
19
Ein paar Sekunden lang war ich benommen. Ich ging in die Schatten, ohne es zu merken, und meine Ohren klirrten von der Explosion. Als mein Kopf wieder klar wurde, stellte ich fest, dass das Geräusch, das ich hörte, gar kein Echo war, sondern tatsächlich der Klang von Metall auf Metall.
»Dieser Tag geht wohl nie vorbei, was?«, sagte eine vertraute Männerstimme tief resigniert neben mir. »Die Welt ist nicht zufrieden, ehe sie mir nicht ein für allemal den Schädel eingeschlagen hat. Aua. Aua. Aua.«
Ich zerrte einen Stuhl mit Brokatsitz von Savian, der schon wieder auf dem Boden lag. »Gabriel!«, schrie ich und sprang auf.
»Na, das gefällt mir. Ich liege hier mit eingedrückten Rippen und zerschmettertem Schädel, und sie macht sich nur Gedanken um ihren Freund. Habe ich nicht gerade erst ›aua‹ gesagt? Das habe ich ernst gemeint!«
»Wenn du dich noch beklagen kannst, geht es dir gut«, sagte ich zu Savian und blickte mich suchend um.
»Bleib da, May«, rief Gabriel und sprang hoch, um einem riesigen Schwert auszuweichen, das ein Drache in Richtung seiner Beine schwang.
»Die Gefährtin ist hier«, schrie ein Drache und zeigte auf mich. Ich zählte rasch, als eine vertraute Gestalt durch das klaffende, qualmende Loch, wo vorher die Eingangstür gewesen war, auf mich zutrat. Es waren nur drei Drachen, die rothaarige Frau und Baltic - wohl kaum eine riesige Truppe. Wir waren viel mehr.
»Ergreift sie und sucht dann die anderen Stücke des Drachenherzens«, rief Baltic und schaute sich um. Sein Blick fiel auf Gabriel. »Ich habe dir doch gesagt, dass ich zurückkomme«, sagte er amüsiert.
»Und ich habe dir gesagt, dass du meine Gefährtin nie bekommst«, knurrte Gabriel. Er verwandelte sich in Drachengestalt und enthauptete den Drachen, der ihn bedrängte. »Geh in die Schatten, May.«
Ich widersprach nicht, sondern verschwand hustend in der Schattenwelt.
»Sucht die Gefährtin«, befahl Baltic und verwandelte sich dann ebenfalls in einen Drachen, als Gabriel ihn angriff. Einer seiner Leibwächter traf Gabriel voll in die Brust und beide gingen zu Boden.
Ich hockte mich hin, als hinter mir ein Grollen ertönte, aber der Mann, der den Stuhl neben mir beiseiteschob, war keine Gefahr für mich. »Oh, sie ist nicht da. Sag mir, dass sie nicht da ist«, sagte Savian. Seine Augen leuchteten, als er die rothaarige Frau anblickte, die neben Baltic stand. »Die Welt meint es gut mit mir!«
Ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus, und all seine Schmerzen schienen vergessen zu sein.
»Anscheinend geht es dir wieder besser?«, sagte ich zu ihm.
Er ließ die Frau nicht aus den Augen. »Oh ja. Jetzt werden Rechnungen beglichen. Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr ich mich darauf gefreut habe.« Er ergriff ein Stuhlbein, wog es einen Moment lang in der Hand und stürzte sich dann mit Gebrüll auf die Frau.
Um mich herum herrschte ein Inferno. Drachen bekämpften Drachen. Savian wälzte sich mit der Rothaarigen auf dem Boden und drosch wie ein Wahnsinniger mit dem Stuhlbein auf sie ein. Dr. Kostich ... Agathos daimon! Die Explosion! Dr. Kostich war an der Tür gewesen, als Baltic sie gesprengt hatte.
Ich huschte an Baltics Drachen vorbei und hielt mich im Schatten, bis ich an die Überreste der Haustür kam. Ein langes Stück Metall war abgeplatzt und hatte sich in den Boden gebohrt. Als ich darum herumging, sah ich eine Bewegung. Kostya war darunter begraben und konnte sich nicht ohne Hilfe befreien, da das Stück Metall ihn am Boden hielt.
»Beweg dich nicht«, flüsterte ich. Ich vergewisserte mich, dass keiner von Baltics Drachen in meiner Nähe war, dann lehnte ich mich an die Wand und stützte mich ab, um das lange, schmale Stück Metall herauszuziehen. Ich brauchte drei Anläufe, aber schließlich bekam ich es heraus. Ich sank auf die Knie und kroch zu Kostya, als ein fremder Drache, durch den Lärm aufmerksam geworden, herüberkam. »Bist du schlimm verletzt?«, flüsterte ich Kostya zu.
Kostya wartete, bis der andere Drache weg war, dann antwortete er: »Nicht so schlimm, dass ich nicht kämpfen kann.«
»Gut. Ich muss Dr. Kostich finden.«
Ich schob ihm sein Schwert hin und zog mich dann zurück. Er richtete sich mühsam auf und lehnte sich einen Moment lang an die Wand, wobei er auf der goldgrünen Tapete eine lange Blutspur hinterließ. Schließlich straffte er die Schultern und stürzte sich ins Getümmel.
Als Baltic Kostya erblickte, war seine Freude grenzenlos. Er brüllte etwas auf Zilant und rannte auf ihn zu, wobei er sich in einen weißen Drachen verwandelte.
Kostya schrie etwas und verwandelte sich ebenfalls in Drachengestalt. Sein Schwert tanzte förmlich, als Baltic auf ihn losging.
Gabriel hatte einen zweiten von Baltics Leuten getötet und kämpfte jetzt gegen den dritten, der nicht mehr dazu kam, nach mir zu suchen, weil Gabriel ihn so bedrängte. Ich wandte den Blick von den Leichen ab. Sie hätten uns ohne Bedenken getötet,
wenn sie die Gelegenheit dazu gehabt hätten. Aufmerksam suchte ich im Schutt der Eingangstür nach Zeichen von Kostich.
Schließlich fand ich ihn.
»Dr. Kostich, können Sie mich hören?«
»Ja.«
Er hob den Kopf, als ich ein Stück Mauer von ihm wegzog. Sein Gesicht war blutig und schmerzverzerrt. »Können Sie sich bewegen, oder sind Sie schlimm verletzt?«
»Nicht schlimm. Ich habe mich mit einem Kissen geschützt, aber ich glaube, mein Arm ist gebrochen.« Er zuckte zusammen, als ich ein Stück gedrehtes Metall aus seiner linken Seite zog.
»Es sieht so aus.« Ich verzog das Gesicht.
»Schienen Sie ihn«, sagte er und biss die Zähne zusammen.
Ich blickte auf die blutige, verdrehte Masse seines Armes. »Ich habe keine heilenden Fähigkeiten wie die silbernen Drachen ...«
»Das weiß ich. Binden Sie mir den Arm so fest an den Körper, dass ich mich bewegen kann.«
Die nächsten fünf Minuten würde ich am liebsten vergessen. Ich kann nur hoffen, dass es auch Dr. Kostich gelingt, obwohl kein einziger Laut über seine Lippen kam, als ich den unteren Teil meiner bestickten Tunika abriss und ein Stück Holz nahm, um den Arm notdürftig zu schienen.
Er war blass und zitterte am ganzen Leib, als ich fertig war. Der Schweiß stand ihm auf der Stirn. Mir ging es nicht viel besser, aber es gelang mir, ihm beim Aufstehen zu helfen. Um uns herum tobte der Kampf, aber ich lehnte ihn ein wenig abseits an die Wand. »Meine Lehrlinge«, stieß er hervor. »Sie müssen für mich channeln.«
»Meister, wir sind hier«, sagte Jack hinter uns. Er kam aus dem Gang, der zur Küche führte, und trug Tully auf den Armen. Sie hatte Blut auf Haaren und Gesicht und wirkte benommen, als ob sie nur halb bei Bewusstsein wäre.
»Du bist verletzt«, sagte Kostich und schloss kurz die Augen.
»Tully hat sich den Kopf gestoßen, und ich habe einen Schnitt von herumfliegendem Glas abbekommen. Aber ich kann Ihnen auf jeden Fall behilflich sein.«
»Bring sie in Sicherheit, dann komm zurück zu mir«, befahl Kostich mit schwacher Stimme.
»Geh nach unten in den Keller«, sagte ich zu Jack. »Da unten ist die Schatzkammer. Bring sie dorthin, dann kann Kaawa ihre Verletzung versorgen.«
Tully protestierte schwach. »Dann bring sie in die Küche«, sagte ich zu Jack. »Dort kann sie sich erholen.«
Ein weiterer Krach erschütterte den Raum, aber dieses Mal kam er von einem Drachen, der gegen die Wand geschleudert wurde.
Baltic schrie seinem Leibwächter zu, mich zu packen, und kam auf mich zugerannt. Gabriel, der mit dem Drachen kämpfte, um ihn so weit wie möglich von mir fernzuhalten, schrie: »May! Geh ins Träumen!«
Ich blickte Gabriel einen Moment lang an, nickte und ging in die Schatten.
Baltic hielt mitten im Angriff inne, lachte und verschwand ebenfalls. Auch er ging in die Schattenwelt, weil er glaubte, mich dort zu finden.
Mein kluger Gabriel.
Dr. Kostich rappelte sich mit Jacks Hilfe auf. »Ist er gerade ...?« Er zeigte auf die Stelle, an der Baltic gestanden hatte.
»Ja«, erwiderte Jack grimmig und legte dem Erzmagier einen Arm um die Taille. »Können Sie laufen, Sir?«
»Das hat es noch nie gegeben«, murmelte Kostich, als ich schweigend und ungesehen die Treppe hinauflief. Da alles sich auf die Schatzkammer konzentrierte, kümmerte sich niemand um die oberen Stockwerke. Gabriel war das klar gewesen. Dadurch, dass Baltic für ein paar Minuten aus dem Weg geräumt war, konnte ich entkommen, ohne dass es jemand merkte.
»Ich hoffe nur, ich kann das«, murmelte ich, als ich im zweiten Stock den Flur entlang zu meinem Zimmer lief. Ich zog die Stahlkassette, die Gabriel unter mein Bett gelegt hatte, heraus, und beschwor das Schloss, aufzuspringen.
In der Kassette lagen die Phylakterien. Ich legte sie aufs Bett und holte eine weitere Kassette, in der die fünf mit Gold eingefassten Medaillons lagen, die wir als Behältnisse für die einzelnen Stücke des Drachenherzens ausgewählt hatten. Jedes Medaillon trug in Gold das Emblem einer Sippe. Gabriel und ich hatten sie entworfen, und sie waren wunderschön geworden.
Unten ertönte ein Brüllen. Baltic hatte offenbar entdeckt, dass ich nicht mit ihm in der Schattenwelt war.
»Na los, May! Gabriel wird Baltic nicht mehr lange aufhalten können«, mahnte ich mich. Meine Hände waren kalt und zitterten, als ich mich ans Bett kniete und verzweifelt versuchte, ruhig zu werden. Kaawa hatte mich darauf hingewiesen, dass das Drachenherz mit meinen Wünschen zur Neubildung einverstanden sein musste, wenn ich Erfolg haben wollte. Es gefiel ihm bestimmt nicht, dass ich so nervös war. Ich legte die Hände mit gespreizten Fingern auf die vier Stücke des Drachenherzens vor mir. In mir breitete sich dumpfe Hitze aus, und das Stück Drachenherz begann vor Energie zu summen. Es erkannte meine Absicht und die Nähe der anderen Stücke.
Ich machte meinen Kopf frei und begann die Beschwörung mit einem Gebet an alle Gottheiten, die sich angesprochen fühlten. Die Worte, die ich in Zilant sagte, hatten keine Bedeutung für mich, aber Kaawa hatte mir erklärt, was ich sagte. »In meinen Gedanken habe ich das Herz gesehen, das in allen Drachen ist und den Widerhall vom Wesen des ersten Drachen in sich trägt. Demütig knie ich vor dir, vor ihm, vor allen Drachen. Ich bitte dich, mir das Strahlen des ersten wieder zu zeigen, damit ich seine Sicherheit und Reinheit auf ewige Zeiten gewährleisten kann. Höre auf mich, Herz des Drachen, und gib dich in meine Hand, damit ich dich bewahren kann.«
Die Worte hingen schwer in der Luft. Die Kampfgeräusche kamen immer näher. Ich verdrängte den sorgenvollen Gedanken, dass Gabriel Baltic nicht mehr lange von mir fernhalten konnte, dass ich möglicherweise das Drachenherz neu bilden würde, damit er es stehlen konnte, und ich versuchte auch, nicht daran zu denken, dass ich nicht unten an Gabriels Seite kämpfte. Ich konzentrierte mich auf das Stück Drachenherz und sprach die Worte erneut. »Hör auf mich, Herz des Drachen, und gib dich in meine Hand, damit ich dich bewahren kann.«
Nichts passierte. Die Kampfgeräusche waren jetzt im Stockwerk unter mir angelangt. Verzweifelt ging ich im Geiste noch einmal die Zeremonie durch, die Kaawa mir beschrieben hatte. Hatte ich versagt?
»In meinen Gedanken habe ich das Herz gesehen, das in allen Drachen ist...«, wollte ich ein drittes Mal sagen, aber dann brach ich ab. Es war falsch. Ich spürte, wie das Stück Drachenherz auf diese Worte reagierte, und sie berührten es nicht. Es wollte diese formellen Worte nicht. Kaawa hatte mir Ysoldes Worte weitergegeben - aber vielleicht musste jeder seine eigenen Worte finden?
Ich achtete nicht auf den Kampflärm, der immer näher kam, sondern überlegte, was ich dem Stück Drachenherz wirklich sagen wollte.
»Es wird mir nicht fehlen, dass du ständig versuchst, mich in Drachengestalt zu verwandeln«, sagte ich zögernd. Ich kam mir albern vor, weil ich mit ihm redete, aber ich wusste nicht mehr, was ich tun sollte. »Aber ich bin dir dankbar dafür, dass du mich gelehrt hast zu verstehen, was es bedeutet, ein Drache zu sein. Das werde ich für immer mit Gabriel in meinem Herzen bewahren. Zuerst war ich dir böse, weil ich das Gefühl hatte, du wolltest mich überwältigen und in einen Drachen verwandeln.«
Ich hörte Gabriels Stimme. Kostya stieß einen Kampfschrei aus, und Kostich sang Beschwörungsformeln, um die fremden Drachen zu vernichten. Sie waren alle schon fast auf meinem Stockwerk. Rasch wandte ich mich wieder meiner Aufgabe zu. »Was ich vermissen werde, ist die Erfahrung, die Gestalt zu verändern. Die scharlachroten Krallen werden mir auch fehlen. Ich werde die Drachenjagden vermissen, die Gabriel und ich hatten, und es wird mir mit Sicherheit fehlen, dass ich Magoth mit einem Schlag meines Schwanzes k. o. schlagen konnte.«
Jetzt hörte das Stück Drachenherz mir zu - das konnte ich spüren -, aber es war immer noch nicht genug. Es wollte keine liebenswürdigen Worte, es wollte wissen, was ich tief im Herzen empfand.
»Ich wollte kein Drache sein. Ich wollte ich selbst sein. Aber jetzt weiß ich, dass ich ein Drache bin - nicht in körperlicher Hinsicht, aber im Herzen. Ich bin May Northcott, Gefährtin eines Wyvern und Doppelgänger, ein Drache der silbernen Sippe, und ich danke dir dafür, dass du mich dazu gemacht hast.«
Die Phylakterien unter meinen Händen wurden heiß, und das Stück Drachenherz in mir brannte plötzlich mit einer glühenden Hitze, die ich als das Feuer des ersten Drachen erkannte. In einem gleißend hellen Feuerstoß brach es aus mir heraus.
Staunend schaute ich zu, wie die einzelnen Stücke sich in der Luft zusammenfanden und sich langsam in einem Feuerkreis drehten. Dahinter ballte sich die Luft zusammen und das Bild eines Drachenkopfs erschien, der sich langsam mir zuwandte und mich aus uralten Augen ansah. Es war ein weißer Drache, aber nicht wirklich weiß - seine Haut schimmerte in allen Farben des Spektrums, und er war von einem Lichtschein umgeben. Der Drachenkopf verwandelte sich in den eines Mannes, und einen Herzschlag lang wurde ich vom ersten Drachen beurteilt.
Das Herz, der Feuerring, aus dem das Herz bestand, zerplatzte plötzlich in eine prachtvolle Nova aus Licht, die meine Seele vor Freude zum Singen brachte. Es war eine Freude, unendlich viel stärker als die der Quintessenz, und in diesem Moment spürte ich, wie die Herzen aller Drachen auf der Welt plötzlich leicht wurden und mit meinem sangen.
Ich wurde beurteilt und für wert befunden. Das Herz bildete sich neu, und ein Lied stieg zum Himmel auf, als es wieder auseinanderfiel. Tiefbewegt sank ich zu Boden.
Das Stück Drachenherz lag sanft glühend in seinem Kristallbehälter vor mir, neben den vier anderen Behältnissen. Andächtig berührte ich das neu gefüllte Phylakterion. Gabriel und ich hatten darüber diskutiert, wie wir das Phylakterion für mein Stück benennen wollten. Er hatte erklärt, es würde jetzt den silbernen Drachen gehören, da ich es in mir getragen hatte, aber ich hatte darauf bestanden, dass es keine Bezeichnung bekam, damit wir später noch überlegen konnten, wem es wirklich gehörte.
»Kluges Stück Drachenherz«, sagte ich lächelnd und fuhr mit den Fingern über das goldene Symbol der Silberdrachen, das das Phylakterion verschloss. »Wir sorgen dafür, dass man gut auf dich aufpasst.«
Die Tür hinter mir flog auf. Gabriel stürzte in menschlicher Gestalt herein und drehte sich sofort wieder um, um Baltic mit dem Schwert aus dem Raum zu drängen.
Baltic packte ihn am Hals und zerrte ihn zu sich, um ihn über das Geländer in die Halle zu schleudern. Dann wandte er sich keuchend mir zu. Blut strömte aus zahllosen Wunden an seinen Armen und seinem Oberkörper, und seine Augen leuchteten in einem unheiligen Licht.
»Gefährtin«, knurrte er.
»Das ist wohl wahr, aber deine werde ich niemals sein«, antwortete ich. Ich nahm die Phylakterien und legte sie wieder in die Kassette.
»Ich spürte etwas. Was hast du getan?«
»Nichts, was du noch ändern könntest.«
»Ach, du glaubst nicht?«
Ich schob die Kassette hinter mich und zog meinen Dolch, als er auf mich zukam. »Du hast gespürt, wie sich das Drachenherz neu gebildet und wieder in einzelne Stücke aufgeteilt hat. Ich habe den ersten Drachen gesehen, Baltic. Ich habe ihn gesehen, und ich weiß es.«
Er erstarrte. Verwirrung trat in seinen Blick. »Du ... weißt?«
»Ich sah ihn. Du wirst das Drachenherz nicht bekommen. Es ist wieder in einzelne Stücke zerfallen.«
Er warf den Kopf zurück und brüllte vor Wut. Genau in diesem Moment packte Gabriel ihn von hinten und zog ihn aus dem Raum. »Flieg, kleiner Vogel!«, schrie er über die Schulter.
Ich floh in die Schattenwelt, nahm die Kassette mit und huschte an den Kämpfenden vorbei. Kostya und Gabriel hatten wieder Drachengestalt angenommen und kämpften gegen Baltic. Baltic musste gespürt haben, dass ich an ihm vorbeilief, denn er wirbelte herum und kam auf mich zu. Gabriel warf sich brüllend auf ihn, und ihre schlanken Drachenleiber wälzten sich am Boden. Ich wollte Gabriel nicht allein lassen und blieb oben an der Treppe stehen, aber ich wusste eigentlich, dass ich die Phylakterien in Sicherheit bringen musste.
Kostya verwandelte sich in menschliche Gestalt und schrie Gabriel zu: »Er gehört mir!«
Savian taumelte die Treppe hinauf, ein Arm hing schlaff und nutzlos herunter, aber mit der anderen Hand hielt er immer noch das Stuhlbein fest umklammert. »Ich habe mich um diese rothaarige Wölfin gekümmert. Ist nur noch ein Drache übrig? Gut!«, sagte er und sank zu Boden.
»Muss ich das noch einmal tun?«, brüllte Kostya und hob sein Schwert. »Wie oft muss ich dich noch töten, bevor du tot bleibst?«
»Gabriel!«, schrie ich und trat aus der Schattenwelt.
»May, lauf!« Gabriel verwandelte sich in der letzten Sekunde und entging so Kostyas Schwert. Die Klinge fuhr blitzend durch die Luft, wo eine Nanosekunde vorher noch Baltic gewesen war, und schlug tief in den Boden ein.